Auf meinen Antrag Schutz durch Sichtbarkeit – Gewalt gegen medizinisches Personal erkennen und begegnen – Fachgespräch zum Handlungsbedarf hin führte der Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Prävention nach Beschluss vom 9.12.2025 ein Fachgespräch zum Thema Gewalt, Diskriminierung und Rassismus gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen am 17.3.2026.
Zunehmende Gewalt gegen Gesundheitspersonal
Gewalt gegenüber Beschäftigten im Gesundheitswesen ist längst kein Einzelfall mehr – sie entwickelt sich zunehmend zu einem strukturellen Problem. Das wurde in einem Fachgespräch im Gesundheitsausschuss des Bayerischen Landtags deutlich, bei dem Expertinnen und Experten aus Medizin, Pflege, Rettungsdienst und Interessenvertretungen ihre Perspektiven schilderten. Auch wenn die Fallzahlen insgesamt relativ konstant bleiben, nimmt die Intensität der Übergriffe spürbar zu. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle, aggressives Verhalten gegenüber medizinischem Personal zu zeigen.
Besonders eindrücklich beschrieb Gerald Quitterer (Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK)) die Situation: Verbale und körperliche Gewalt werde von vielen Beschäftigten inzwischen als Teil des beruflichen Alltags wahrgenommen. Beleidigungen, Drohungen und auch öffentliche Angriffe über soziale Medien hinterlassen dabei tiefe Spuren – nicht zuletzt, weil sie dauerhaft sichtbar bleiben und die Betroffenen langfristig belasten.
Auch aus der Pflege wurde von einer besorgniserregenden Entwicklung berichtet. Michael Wetterich (Pflegeexperte und Vizepräsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB)) machte deutlich, dass es in Kliniken nahezu täglich zu Übergriffen komme. Besonders häufig seien verbale Attacken, doch auch körperliche Gewalt sei keine Seltenheit mehr. Gleichzeitig müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Vorfälle gar nicht erst gemeldet werden.
Im Rettungsdienst stellt sich die Lage differenzierter dar. Sebastian Lange (Rettungsdienstleiter beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK)) berichtete zwar von vergleichsweise wenigen Fällen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Einsätze, betonte jedoch, dass die Folgen für die Betroffenen erheblich sein können – bis hin zu mehrtägiger Arbeitsunfähigkeit. Auch andere Einsatzkräfte, etwa bei der Feuerwehr, sind punktuell betroffen, wie Berichte aus der Praxis zeigen.
Neben klassischen Formen von Gewalt wurde im Fachgespräch auch auf spezifische Entwicklungen hingewiesen. Sabine Beßler (Mitglied des Vorstands des Klinikum Nürnberg) berichtete von einer Zunahme sexueller Übergriffe sowie rassistisch motivierter Angriffe. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass Gewalt im Gesundheitswesen nicht nur häufiger, sondern auch vielschichtiger wird.
Ein wichtiger Aspekt ist die gesellschaftliche Einordnung des Problems. Johannes Nau (Pflegewissenschaftler, Leiter des Evangelischen Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Stuttgart) erklärte, dass Gewalt im Gesundheitswesen heute stärker wahrgenommen werde, weil das Thema in den letzten Jahren zunehmend enttabuisiert wurde. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass sich auch die Erwartungen und das Verhalten von Patient*innen verändert haben.
Als Ursachen für aggressive Situationen nannten die Expertinnen und Experten eine Vielzahl von Faktoren. Emotionale Ausnahmesituationen – etwa bei Schmerzen oder existenziellen Sorgen – können ebenso eine Rolle spielen wie Frustration über lange Wartezeiten oder organisatorische Abläufe. Hinzu kommt, dass Patient*innen sich zunehmend selbst informieren und mit konkreten Erwartungen in Behandlungen gehen. Wenn medizinisches Personal diesen Erwartungen widerspricht, entstehen nicht selten Konflikte.
Vor diesem Hintergrund wurde deutlich, dass es nicht ausreicht, nur auf einzelne Vorfälle zu reagieren. Vielmehr braucht es strukturelle und präventive Ansätze. Andreas Botzlar (Landesvorsitzender des Marburger Bundes Bayern und 1. Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK)) plädierte dafür, vermeidbare Ursachen von Frustration konsequent anzugehen – etwa durch bessere Kommunikation, klarere Abläufe und die Reduzierung von Wartezeiten.
Einigkeit bestand darüber, dass Prävention eine Schlüsselrolle spielt. Deeskalationstrainings, Gewaltschutzkonzepte und eine bessere Vorbereitung bereits in der Aus- und Weiterbildung könnten dazu beitragen, die Zahl der Vorfälle zu reduzieren. Gleichzeitig wurde bei einigen Teilnehmenden die Forderung nach einem zentralen Meldesystem laut, um das Ausmaß von Gewalt besser erfassen und gezielter darauf reagieren zu können. Auch finanzielle Unterstützung für Einrichtungen bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen wurde als notwendig erachtet.
Das Fachgespräch zeigt deutlich: Gewalt gegen Gesundheitspersonal ist ein ernstzunehmendes Problem, das sowohl individuelle als auch strukturelle Antworten erfordert. Neben konkreten Schutzmaßnahmen braucht es auch eine gesellschaftliche Sensibilisierung für einen respektvollen Umgang mit denjenigen, die täglich Verantwortung für die Gesundheit anderer übernehmen.